Ideen für einen positiven und nachhaltigen Frieden in Zeiten globaler Krisen Von Hala El-Maghawry, Wien

In einer Welt, die sich zunehmend in Richtung wachsender Spannungen und komplexer Konflikte entwickelt, stellen sich immer drängendere Fragen nach der Fähigkeit des internationalen Systems, Krisen einzudämmen, sowie nach der Möglichkeit, nachhaltigen Frieden in einem Umfeld zu erreichen, in dem das Vertrauen zwischen den Großmächten zunehmend schwindet. Vor diesem Hintergrund fand im Vienna International Centre (VIC) eine hochrangige Diskussionsveranstaltung statt, organisiert vom NGO Committee on Peace – Vienna, um neue Ansätze für das Konzept des „positiven Friedens“ in Zeiten globaler Krisen zu erörtern.
Die Veranstaltung wurde von Peter Haider, Präsident des bei den Vereinten Nationen in Wien akkreditierten NGO-Forums, moderiert und spiegelte ein wachsendes Bewusstsein dafür wider, dass traditionelle Instrumente der Konfliktbewältigung angesichts zunehmender globaler Krisen und einer abnehmenden Wirksamkeit bestehender internationaler Strukturen nicht mehr ausreichen.
An der Veranstaltung nahmen zahlreiche internationale Delegationen teil, darunter aus Iran, Syrien, Ägypten und der Ukraine sowie aus Bratislava. Zudem waren Vertreter arabischer Organisationen in Österreich präsent, darunter das „Ägyptische Haus“ unter der Leitung von Mahmoud Hamida, das Committee on Peace – Vienna unter dem Vorsitz von Sami Hussein Alaboud, Obmann der Syrischen Nationalgesellschaft in Österreich, sowie das Forum „Moltaka Ashab“ unter der Leitung von Hanaa Salman, Vorsitzende des Forums „Moltaka Ashab“. Die breite Beteiligung verdeutlichte die enge Verknüpfung zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und internationalen Initiativen im Bereich der Friedensarbeit.
Hauptredner und Ehrengast der Veranstaltung war Dr. Heinz Gärtner, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien. In seinem Beitrag analysierte er die Natur moderner Konflikte und betonte, dass Kriege heute nicht mehr nach dem klassischen Muster direkter Konfrontation geführt werden, sondern durch eine schrittweise Eskalation mit vielfältigen Mitteln, die von begrenzten Druckinstrumenten ausgehen und sich bis hin zur Ausweitung der Gewalt und gezielten Angriffen auf Zivilisten entwickeln.
Er erklärte, dass diese Form der Eskalation eine hochkomplexe Realität erzeugt, in der politische Lösungen mit der Zeit immer schwieriger werden, da sich die Kluft zwischen den Konfliktparteien zunehmend vertieft – oft bis zu einem Punkt, an dem eine gemeinsame Grundlage für Dialog kaum noch erreichbar ist.
Im Kontext internationaler Beziehungen verwies Gärtner zudem auf die Spannungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten und unterstrich, dass das tief verwurzelte Misstrauen, insbesondere gegenüber Iran, eines der zentralen Hindernisse für internationale Stabilität darstellt. Dies sei Ausdruck einer strukturellen Krise des internationalen Systems, in der dialogorientierte Ansätze zunehmend von Abschreckungs- und Eskalationsstrategien verdrängt werden.
Darüber hinaus betonte er, dass moderne Kriege längst nicht mehr ausschließlich militärischer Natur seien, sondern auch politische, gesellschaftliche und psychologische Dimensionen umfassen, was ihre Eindämmung erheblich erschwert und die Handlungsfähigkeit internationaler Institutionen einschränkt.
In einer weiteren zentralen Intervention hob Renata Amesbauer, Präsidentin der Internationalen Frauenunion in Europa, die entscheidende Rolle von Frauen im Friedensprozess hervor. Sie betonte, dass ein nachhaltiger Frieden ohne eine echte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen nicht möglich sei, da ihre Rolle in gesellschaftlicher Vermittlung und Vertrauensbildung von zentraler Bedeutung sei.
Auch Beiträge aus dem Publikum spiegelten ein hohes Maß an Bewusstsein für die Komplexität der globalen Lage wider. Die Teilnehmer betonten, dass langanhaltende Konflikte nicht nur Staaten zerstören, sondern auch Gesellschaften fragmentieren und bestehende Spannungen vertiefen, wodurch die Kosten für Frieden erheblich steigen und seine Umsetzung zunehmend erschwert wird.
Zudem wurde hervorgehoben, dass politische Vereinbarungen allein nicht ausreichen, um Frieden zu gewährleisten. Vielmehr erfordere ein nachhaltiger Frieden die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Ursachen von Konflikten, insbesondere mit Ungerechtigkeit, Marginalisierung und dem Mangel an Dialog, sowie die Förderung von Bildung als Instrument zur Entwicklung einer Kultur des gegenseitigen Verständnisses.
In diesem Zusammenhang gewinnt das Konzept des „positiven Friedens“ besondere Bedeutung, da es über die bloße Abwesenheit von Krieg hinausgeht und den Aufbau einer stabilen, gerechten und kohäsiven Gesellschaft umfasst. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch – so die zentrale Erkenntnis der Diskussion – nicht in der theoretischen Definition dieses Konzepts, sondern in seiner praktischen Umsetzung innerhalb eines internationalen Systems, das von wachsendem Misstrauen und zunehmender Polarisierung geprägt ist.
Wien, das seine Rolle als internationale Plattform für Dialog weiterhin festigt, bietet durch solche Veranstaltungen Raum für neue Ideen. Dennoch bleibt die entscheidende Frage offen: Können diese Ansätze tatsächlich in wirksame politische Maßnahmen umgesetzt werden – oder bleiben sie angesichts sich beschleunigender globaler Krisen auf theoretische Debatten beschränkt?



